Kalyana Yoga

Außerhalb der Komfortzone - gewinne Mut und Vertrauen mit Yoga

Rums! Ich höre einen lauten Schlag und werfe rasch einen Blick in den Rückspiegel. „Jungs, ich muss Gas geben. Wir werden verfolgt!“ Zu mehr Worten bin ich in dem Moment nicht fähig, mein Puls beschleunigt sich in ähnlichem Maße wie mein VW Bus. Wenige Sekunden zuvor ist etwas Schweres (vermutlich ein Stein) mit lautem Knall gegen die Beifahrertür gekracht und nun kommt von hinten ein schneller PKW, der mir ununterbrochen Lichthupe gibt und dicht auffährt.

„Kann das sein? Bin ich im falschen Film? Das hatte ich doch im Internet vor der Abreise gelesen… .“ Meine Gedanken überschlagen sich und mir dämmert, dass hier der Trick versucht wird, mir zu suggerieren, dass ich mit meinem Fahrzeug gegen ein anderes gefahren sei. Ziel des aggressiven Fahrers hinter mir ist es wohl, mich anzuhalten und mir dann Geld abzuknüpfen. Also gebe ich Gas und bin schnell auf einer zweispurigen Straße Richtung Pisa.

Als der Fahrer dann auf der linken Spur zum Überholen ansetzt, zeige ich ihm ganz un-ladylike den Mittelfinger und rufe laut „Polizia“. Er lässt sich zurückfallen und ich kann die Schnellstraße bei der nächsten Ausfahrt verlassen. Weg ist er. „Geschafft!“

Die Reise, auf der uns das passiert ist, war die erste lange Ausfahrt mit meinem neuen alten Camper allein mit meinen beiden Söhnen. Wir waren auf dem Weg nach Sardinien, um dort ein paar unbeschwerte Tage zu verbringen.

ich und mein Sylvester
Mein Bus und ich

Und was hat das jetzt mit Yoga zu tun?

Für mich eine ganze Menge. Yoga ist mehr als das, was auf der Matte passiert. Das Wesentliche findet in deinem Inneren statt. Es zählt also nicht, wie du eine bestimmte Yogahaltung äußerlich einnimmst, sondern mit welcher inneren Haltung du übst. Die innere Haltung ist dann der Teil der Yogapraxis, der dich auch im Alltag begleitet. Natürlich verändert sich die Art und Weise des äußeren Übens mit der Zeit und du wirst vielleicht beweglicher oder machst andere Fortschritte (keine Rückenschmerzen mehr), aber das ist nicht der wesentliche Aspekt, den ich hier meine. Dein Körper und deine äußere Haltung sind der Schlüssel zu deiner inneren Haltung. Äußere und innere Haltung haben eine positive wechselseitige Wirkung, wenn du im richtigen Maß für dich übst.

Yoga auf den Felsen von Palau
Parivritta Utkatasana auf den Felsen von Palau

Die Erfahrungen, die ich auf der Matte sammeln durfte, insbesondere die Selbstreflexion der vergangenen Jahre, hat mich innerlich gestärkt, meinen ganz eigenen Weg zu gehen und ins Handeln zu kommen. Es geht dabei auch um Dinge jenseits der Komfortzone, die ich für wichtig erachte, dich ich mir wünsche und/oder die einfach getan werden wollen, weil sie meinen Werten entsprechen. „Soll ich wirklich so eine lange Reise unternehmen?“ habe ich mir in den Wochen vor der Abfahrt immer wieder gedacht. „Ja, mach das! Du wünschst dir das doch so sehr.“ kam immer wieder als Antwort. Darauf habe ich vertraut.

Meer so weit das Auge reicht
Blick aufs Meer beim Abstieg in die Grotte di Nettuno

 

Das Yoga Sutra, ein wichtiger Yogaquelltext, der vor ca. 2000 Jahren entstanden ist, liefert dazu wertvolle Anhaltspunkte:

Es ist Vertrauen, das uns die nötige Kraft gibt, Widerstände erfolgreich zu überwinden und weiterzugehen, ohne die Richtung aus den Augen zu verlieren.

Mit Richtung meint Patanjali (Verfasser des YS) hier den Zustand von Yoga: ein gelassener, ausgeglichener und freier Geist. Oder anders formuliert: ein Zustand von Zufriedenheit und Glück, der auch in kleinen alltäglichen Situationen zu spüren ist und der dich durchs Leben tragen darf. Das Vertrauen, dass du in der Yogapraxis entwickelst, lässt sich mit etwas Übung auch auf andere Lebensbereiche übertragen.

Im Yoga (insbesondere im Vedanta, einem der großen indischen Philosophiesysteme) wird Vertrauen shraddha genannt und ist ein Grundprinzip, für das ich mich entscheiden kann. Ich darf dem Leben vertrauen und die Dinge von der besten Seite betrachten. Also raus aus der Opferrolle, hinein ins Gestalten und Erleben.

Meine persönlichen Erfahrungen mit diesem Sutra

Zu Beginn meiner Yogapraxis war es für mich tatsächlich eine Überwindung, gestresst wie ich war, mich mit meiner körperlichen Unbeweglichkeit für einen Kurs anzumelden. Und dann noch allein in eine Gruppe fremder Menschen zu gehen und mich dort gemeinsam zu bewegen. Aber da gab es einen Teil in mir, der wusste, dass ich etwas verändern will, und so meldete ich mich letztlich doch an.

Heute ist es für mich selbstverständlich und ich freue mich, wenn ich in einem Seminar oder einer Weiterbildung neue Menschen kennen lerne. Wenn du mich damals gefragt hättest ob ich jemals allein mit meinen zwei Kindern in den Urlaub fahren würde und ohne fest gebuchte Quartiere mehr als 2200km fahre, hätte ich das definitiv nicht für möglich gehalten. Ganz zu schweigen davon, dass ich meine eigenen Kurse anbiete, organisiere und auch durchführe.

Yogamatte an der Westküste von Sardinien
Yoga auf den Felsen von Bosa

Ist das schon das Ende der Geschichte?

Nein, ich bin natürlich nicht erleuchtet 😊 Auch wenn ich mich bewusst für den Yogaweg entschieden habe, weiß ich, dass ich nicht alles Gute in meinem Leben pauschal darauf zurückführen kann. Das wäre dann doch zu einfach gedacht 😉 Vieles ist Glück (kalyana), Segen, einfach nur Zufall und liegt außerhalb meiner Kontrolle, wie z.B. eine großartige Familie und herzliche Freunde zu haben, wie auch einen sicheren Lebensraum, in dem ich mich frei entfalten darf. Ganz besonders die Unterstützung, die ich in Bezug auf den VW Bus hatte und habe ist einfach genial und einzigartig. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

Yoga bedeutet für mich lebenslanges, neugieriges Lernen und Entdecken.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Yoga auch dich nicht nur zu mehr Vertrauen, sondern auch Selbstvertrauen führt.

Segelboote vor Alghero
Sonnenuntergang bei Alghero

Und wie ging es in Italien weiter?

Nachdem ich mich endlich dazu durchrang, an einer Tankstelle anzuhalten, um die Beule in der Bustür näher zu begutachten, beruhigte sich nach und nach mein Puls. „Mama, ich habe das Kennzeichen fotografiert!“ rief mein älterer Sohn von der Rückbank und ich überlegte nicht lange, sondern antwortete: „Dann gehen wir zur Polizei.“

Ich bin mir sicher: meine Yogapraxis der vergangenen Jahre hat mir geholfen, dass nach diesem Erlebnis Gedanken wie die folgenden keinen großen Raum einnehmen konnten: „Wie konnte ich nur nach Italien fahren? Warum passiert MIR das? Die Beule bekomme ich nie wieder raus aus der Tür! Ich fahre gleich wieder nach Hause!! Ohhh diese Italiener… !?!“

bestuhlte Seitengasse in Castelsardo, Sardinien
Blick von oben in eine Gasse in Castelsardo

Stattdessen kam ich schnell ins Handeln, habe den nächsten Italiener angesprochen und um Hilfe gebeten. Er gab mir die Adresse der Carabinieri, die am Pfingstsonntag geöffnet haben. Für mich (und auch für meine Söhne) stand außer Frage, dass wir uns das nicht gefallen lassen und wir uns wehren. Gesagt, getan, nach drei Stunden bei den Carabinieri durften wir ein ausführliches Protokoll und Bleistifte als Souvenirs mitnehmen. Mit dem Kennzeichen wurden schon zahlreiche Überfälle verübt. Durch die Anzeige kommen die Carabinieri den Gaunern hoffentlich etwas mehr auf die Schliche. Ein wertvoller Tipp des freundlichen Beamten, den ich hier sehr gerne an dich weitergebe, ist die App „112 where are you“. Damit kannst du auch im Ausland auf Deutsch einen Notruf absetzen.

Dieses Erlebnis gleich zu Beginn der Reise und die unschöne Beule in der Bustür hat uns alle ordentlich erschreckt und wir waren sehr froh, als wir am nächsten Abend auf der Fähre waren. Dennoch war es ein Ereignis, das uns als Familie gestärkt hat und wir alle innerlich gewachsen sind.

ein putziger Gast beim Campen
Ein neugieriger Gecko

Der weitere Urlaub war einzigartig, abwechslungsreich und erholsam. Sardinien ist wunderschön und hat sich uns von seiner besten Seite gezeigt. Wir haben in zehn Tagen das obere Drittel der Insel in unserem eigenen Rhythmus erkundet, haben Felsen bestiegen, Städte besichtigt, das Meer genossen, tolle Camping-Begegnungen erlebt und uns von den Wellen auf dem SUP treiben lassen.

Die Geschichte in Livorno bleibt als besonderes Erlebnis, bei dem wir alle drei Helden sein durften.

Glücklich am Ende der Reise
Total happy beim Ablegen der Moby Fantasy in Olbia

Nun interessiert mich natürlich: Von was träumst du? Wann warst du das letzte Mal richtig mutig? Wenn du magst, teile etwas von dir. Ich freue mich über deinen Kommentar unten auf dieser Seite oder eine E-Mail mit deinen Gedanken.

2 Responses

  1. Hallo Elisabeth,
    hier hast du großartige Arbeit geleistet!
    Ich bin stolz auf dich und die Jungs!
    Yoga Nidra überschneidet sich mit meinen Chorproben, sorry!
    Schönen Abend!
    Mama

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